Aktuelle Ausgabe |
SCHWERPUNKT
VISION AMERIKA
In Amerika wurde seit je die Zukunft erfunden.
Wie erzählt die Literatur von der Lust am Neuen?
Was heißt es, wenn Menschen ihr Leben von vorn
beginnen, und wie macht sich das World Wide
Web als Zuhause?
Frauke Meyer-Gosau Ein Anarchist in der Goethe Street
Chicago – Stadt der Hoffnungen und der Desaster. Mit
Aleksandar Hemon in der Kapitale der ewigen Zukunft ||
Peer Trilcke «Ich höre Amerika singen» Walt Whitmans
Gedicht-Zyklus «Leaves of Grass» ist die literarische Gründungsakte
der Vereinigten Staaten. Und ein ganz gegenwärtiges
Stück Populärkultur || Walt Whitman Leaves of
Grass (Grasblätter) in der Neuübersetzung von Jürgen
Brocan || Richard Powers Schlage hier nach zu allem.
Eine Erzählung |
EDITORIAL
DAS KRIMINAL
Die Mörderin ist ein Menetekel
Frauke Meyer-Gosau begegnet Kommissar Charitos in Istanbul
BÜCHER DES MONATS
Jörg Magenau
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Editorial |
Mit dem Fahrrad, liebe Leserin, lieber Leser,
durch die eigene Zukunft brausen – geht das? Was die amerikanische Metropole Chicago anlangt, lässt sich
uneingeschränkt sagen: Ja, es geht! Zukunft ist in dieser Stadt nämlich auch in Gestalt luxuriös ausgebauter
Fahrradwege gegenwärtig. Und vorausgesetzt, man bucht die entsprechende Bike-Tour, führen sie einen ohne
größere Umstände zu den Obama-Sites, den Lebens-Schauplätzen der heutigen Präsidentenfamilie.
LITERATUREN hat sich für diese Sommerausgabe auf die Spuren der Zukunfts-Visionen geheftet, wie sie seit
einem guten Jahrhundert aus Amerika ... mehr
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Die Beiseite |
Alle Texte werden frei sein
Der Literaturbetrieb ist auf einem Material aufgebaut, das sich selbst zerfrisst.
Und damit alle Kritik
Typologien zur Literatur (3): Das «Papier»
VON PETERLICHT
Das Papier ist ungeduldig. Es strebt seiner Auslöschung
zu. Es zerfällt. Und mit ihm die Zeichen, die man darauf
setzte. Sammeln sich die Jahre in den Blättern, wird die
Sache zunehmend brüchig. Auf merkwürdige Weise verdickt
sich das Papier. Es wird immer trockener. Man meint, man
hielte Esspapier in den Händen. Man beißt probehalber in
die Seiten und merkt, dass tatsächlich kein Saft mehr vorhanden
ist. Vorbei die Zeit der schneeweißen Fläche. Einem
alten Zahn gleich wechselt beim alten Buch die Farbe ins Gilbige.
Dem dazugehörigen Mund ... mehr
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Mitten aus... |
Mitten aus Rom
VON SILKE SCHEUERMANN
Die fundamentale Erfahrung des Dichters ist Hilflosigkeit,
schreibt die amerikanische Lyrikerin Louise Glück zu Beginn
ihres einleitenden Essays im Band «Proofs & Theories». Bevor ich
noch den Argumenten der Pulitzer-Preisträgerin folgen kann, klingelt
es. Maria und Paola sind da, um mich abzuholen. In der Villa
Massimo wird man immer gern abgeholt, alle Besucher, auch eingefleischte
Römer, lieben es, durch die portineria, das Pförtnerhäuschen
im massiven, geradezu burgähnlichen Eingangsportal
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Literatur im Kino |
Zwei plus zwei macht zwei
Marie Bäumer und Milan Peschel als Charlotte und Eduard:
«Mitte Ende August» überträgt «Die Wahlverwandtschaften»
in unsere Tage
Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter… »: So beginnt Goethe seinen Roman «Die Wahlverwandtschaften»,
in dem es um die seltsame Macht der Gefühle
und der Liebes-Arithmetik geht, um die bekannte Chemie, die sich
zwischen den Menschen auf geheimnisvolle Weise entwickelt und
sie leitet. In Sebastian Schippers Film «Mitte Ende August», der Goethes
Geschichte variiert, sieht man ebenfalls als Erstes einen Mann
im besten Mannesalter. Hier heißt er Thomas und wird gespielt von
Milan Peschel.
Wir sehen ihm zu, wie er aufsteht, wie er wach wird, Musik
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Was liest ... |
Antje Rávic Strubel
Antje Rávic Strubel, 1974 in Potsdam geboren, studierte nach einer
Ausbildung zur Buchhändlerin in Potsdam und New York
Literaturwissenschaft, Psychologie und Amerikanistik. Für ihre Prosa
wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman
«Kältere Schichten der Luft» (2007) und die «Gebrauchsanweisung für
Schweden» (2008). Sie lebt als freie Autorin in Potsdam.
Manche Gespräche beginnen tatsächlich noch so. Am Kreuzberger Ufer,
als die Admiralsbrücke in der letzten Sonne lag,
saß ich in einer beliebten Pizzeria, wartete auf ... mehr
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Hörbücher |
«Sie gaben das Äußerste, und ich gab das Meine»
Drei Gegensatz-Paare der jüngeren Literaturgeschichte: Thomas Bernhard und Siegfried Unseld,
Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke, Schüler und Lehrerin in Siegfried Lenz’ Novelle «Schweigeminute»
Ernennt sein Gegenüber «mein Frankfurter Ungeheuer, dem ich
völlig verfallen bin»; trotzdem tut er ihm einen «Seitentritt in
Salzburg» an. Aus scheinbar heiterem Himmel spricht er von Entfremdung.
Er reagiert eifersüchtig und ist beim Thema Geld ohnehin
stets mit massiven Vorwürfen und weitreichenden Drohungen
bei der Hand. Der andere bleibt unterstützend, großmütig und
um Ausgleich bemüht, denn er glaubt an die Beziehung. Nur manchmal
erinnert er an seine Verdienste darum.
Nein, die ... mehr
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Netzkarte |
«Harrrumphhh!»
Fragmente einer Sprache des Niedlichen: Die User auf
cuteoverload.com wissen, was wirklich «süß» ist
In einer seiner «Titanic»-Kolumnen machte
Max Goldt eine hübsche Beobachtung: Unter
den hundert einflussreichsten Frauen der Bundesrepublik
habe sicher keine eine Puppe, Tigerente oder
einen Teddybären an ihrer Tasche
befestigt. Infantile Accessoires wie diese kennzeichneten ein bestimmtes Milieu,
das sich mit
unbewusster Selbststigmatisierung – so lässt sich Goldts Stilkritik
verstehen – um alle Aufstiegschancen bringe. Denn: ... mehr
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Kalender |
Bitte überprüfen Sie Veranstaltungsort und -zeit in der Tagespresse!
BAYREUTH
27.07.
Jürgen Kesting liest aus
«Die großen Sänger»
Markgrafenbuchhandlung,
12 Uhr
BERLIN
01.07.
Dietmar Dath liest
Humboldt-Universität, 19 Uhr
Mithu M. Sanyal spricht
über ihr Buch «Vulva –
Die Enthüllung des unsichtbaren
Geschlechts»
Literatur ... mehr
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Das Kriminal |
Die Mörderin ist ein Menetekel
VON FRAUKE MEYER-GOSAU
Alles lässt sich regeln, man muss nur wollen! »Dies
ist die Lebensregel von Adriani Charitou, der
Gattin des Athener Kommissars, der sich im Beruf mit
seinem selbstdarstellungsfreudigen, in der Sache dagegen
weitgehend inkompetenten Vorgesetzten Gikas
und daheim mit dem kampflustigen Energiebündel
herumzuschlagen hat, das seine Ehefrau ist: Kostas
Charitos hat es nicht ... mehr
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Kurz und Bündig |
ERZÄHLUNGEN
BERND CAILLOUX
Der gelernte Berliner.
Sieben neue Lektionen
Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2008.
252 S., 10 ¤
Wenn Bernd Cailloux seinem
1991 vorgelegten Band «Der
gelernte Berliner» jetzt sieben
neue Lektionen folgen lässt,
stellt sich vor allem eine Frage:
Hat er, der typische Vertreter
der einst aus Bundesdeutschland
nach Westberlin zugewanderten
Boheme, dazugelernt?
Ist er inzwischen vom
halben ... mehr
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Ein Anarchist in der Goethe Street
Chicago, Stadt der Hoffnungen und der Desaster – Stadt der Einwanderer bis heute.
In seinem Roman «Lazarus» erzählt Aleksandar Hemon, wie das Leben hier
seit einem Jahrhundert immer wieder neu anfing – auch seine eigene Geschichte
gehört dazu. Literarische Reise in eine Kapitale der ewigen Zukunft
VON FRAUKE MEYER-GOSAU
Warum eigentlich hat einem nie jemand gesagt, dass
Chicago zu den schönsten Städten der Welt gehört?
Wer sich an einem windigen, sonnigen Morgen
mit dem Fahrrad zum früheren Wohnviertel
von Präsident Barack Obama aufmacht, sieht
zu seiner Rechten eine unregelmäßige Kulisse aus alten
und funkelnagelneuen Hochhäusern schimmern, zur Linken
erstreckt sich die enorme Fläche ... mehr
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Martin Geck Wenn der Buckelwal in die Oper geht
«Ohne in das leere zu fallen»
Was der Buckelwal mit klassischer Musik zu schaffen hat, warum die «Sturm»-Sonate mit einem strampelnden
Säugling zusammenhängt und wie man über Bach, Mozart, Beethoven für Kenner und Nichtkenner schreibt
VON RENÉ AGUIGAHManchmal wird der Kammermusiksaal der
Berliner Philharmonie, auch wenn beinahe
1200 Zuhörer darin sitzen, zum intimen
Raum. Als der Pianist András Schiff kürzlich mit
seinem Beethoven-Zyklus in Berlin
gastierte zum Beispiel; als der dritte Satz der
«Sturm»-Sonate anhob, als das Hadern des
ersten Satzes überstanden und der meditative
Gesang des Adagio verklungen war, als
man ... mehr
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Ma Jian Red Dust
Nur noch zwanzigtausend Tage zu leben
Warum der Künstler und Schriftsteller Ma Jian im Jahr 1983 Beijing verließ,
um sich auf eine lange Reise durch die Volksrepublik China zu begeben –
und was er unterwegs erlebte
VON JÖRG MAGENAU
Roter Staub – das ist der Staub der Landstraßen.
Es ist der «Staub der Welt» und der
«Staub der Illusionen», vielleicht auch der
Staub, der von der kommunistischen Ideologie
in China übrig bleiben wird. Ma Jian,
Schriftsteller, Maler und Fotograf aus Beijing,
ist in seinem Heimatland Person a non
grata, dabei kennt er das Reich der Mitte wie
kein Zweiter. Für drei lange Jahre, von 1983
bis 1986, begaber sich ... mehr
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Schöne neue Welt, renoviert
ROMAN Juli Zeh schreibt im Schatten von Aldous Huxley und George Orwell
die negative Utopie fort – und landet beim «Second Life»
Kaum ist das gleichnamige Theaterstück
aufgeführt, kaum der Roman erschienen,
schon sitzt Juli Zeh wieder an ihrem Leidenschaftsthema:
Schluss mit der Käfighaltung
des Menschen zwecks Body Enhancement
und eusozialer Perfektion. «Eusozial»
nennen die Biologen die glückliche Kooperation in Insektenstaaten.
Nicht zufällig klingt
das Wort nach Eugenik und Euthanasie,
denn beides lauert hinter der Organisation
unseres schieren körperlichen Zusammenlebens.
In der «Zeit» vom 30. April benannte
Juli Zeh ihren Verdacht: Man gän ... mehr
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Gott ist ein großer, böser Witz
Juden gelten in Deutschland als Garanten für guten Humor.
Dabei ist es hierzulande eine äußerst komplizierte Angelegenheit,
über Juden zu lachen. Der genauere Blick auf «komische»
jüdische Romane entdeckt hinter Witzschminke und Humorverdacht
ernste Themen
VON EVA MENASSE
Als Yankel Morgenstern starb und zum Himmel
fuhr, entdeckte er zu seiner Überraschung, dass
Gott ein großes Huhn war. Das Huhn war fast
zehn Meter groß und sprach perfektes Englisch. »Mit diesen Sätzen beginnt
eine der fabelhaften Storys von Shalom
Auslander. Wäre Yankel Morgenstern nicht schon tot,
würde ihn nämlich jetzt der Schlag treffen. Er denkt an
seine neun Kinder, an die strengen Gebote, das koschere
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APOLLO 11
Wir Mondmenschen
Vor vierzig Jahren betrat der erste Mann den Mond.
Das hatte Folgen für die Astronauten –
vor allem aber für die zu Hause Gebliebenen
VON RONALD DÜKER
Hier in den Sümpfen Floridas, wo sich sonst Schlange
und Krokodil gute Nacht sagen, hatte es einen solchen
Auflauf noch nie gegeben. Nicht weniger als fünf Millionen
Neugierige tummelten sich auf dem unwirtlichen Flecken.
«Da waren alle Völker vertreten; es wurden
alle Sprachen der Welt gleichzeitig gesprochen, in wirrem
Durche ... mehr
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