|
|
Editorial |
|
Zugegeben, liebe Leserin, lieber Leser:
auch wenn manche Jubiläen zum Jubeln wenig Anlass geben mögen, lohnt es doch, die neuen Bücher zu begutachten, die sich ihnen verdanken.Die vorliegende Ausgabe von LITERATUREN bietet dafür reiche Beispiele zu zwei Gedenk-Terminen im Mai: vierzig Jahre 1968 und sechzig Jahre Israel. Zwar müssen die Achtundsechziger schon seit langem, jahraus jahrein, für diverse Auf- und Abrechnungen herhalten, als Diskurs-Zankapfel zwischen den politischen Generationen ... mehr
|
|
|
Schwerpunkt |
|
Im Gewirr der Geschichte
Ein letztes Mal legen 68er wie Götz Aly oder Rainer Langhans ihre öffentliche Beichte ab. Doch allmählich wird die Studentenbewegung zum Gegenstand der Zeitgeschichte. Und zum Stachel im Fleisch in Zeiten der Ent-Politisierung
VON RENÉ AGUIGAH
Peter Schneider, der Schriftsteller, setzt ein indigniertes Gesicht auf. Eine Stunde lang hat er aus seinem neuen Buch gelesen,vor vollen Rängen in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Doch dann gilt das erste Interesse einem anderen. Was er, Schneider, denn von Götz Alys 68er-Deutung halte, will Helge Malchow wissen, seinVerleger,der die Aufgabe des öffentlichen Fragenstellens übernommen hat. Erwundere sich, dass er dieser Tage so oft zur Konkurrenz Stellung nehmen müsse, gibt ... mehr
|
|
|
60 Jahre Israel |
|
«Seht nur, was geschehen ist!»
Ob Israeli, ob Palästinenser – gut geht es keinem in der nahöstlichen Krisenregion, sechzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel. Ein literarischer Streifzug durch einen gepeinigten Landstrich
VON SIGRID LÖFFLER
Dies ist ein Jubiläum, das für Jubel kaum Anlass bietet. «Seht nur, was geschehen ist! Seht, was aus dem jungen, mutigen, enthusiastischen Staat geworden ist!» Der israelische Schriftsteller David Grossman gibt den Ton vor, und viele seiner Kollegen stimmen ein. Nimmt man ihre neuen Bücher als Stimmungsindikator, so ist von einem Frohlocken über den runden Jahrestag der Staatsgründung Israels wenig zu spüren. «Seht, wie Wahnsinn, Brutalität, Gewalt und Rassismus von unserem Zuhause Besitz ergreifen!», ruft Grossman seinen Landsleuten zu. « Seht euch nur unsere Staatsmänner an! Seht euch ihre ängstliche, argwöhnische, verschwitzte Handlungsweise an. Was die untaugliche Politik der israelischen Regierung heute ... mehr
|
|
|
Das Journal |
Gänseblümchen für alle
ROMAN Wer waren eigentlich die Achtundsechziger? Bernhard Schlink schreibt einen Roman darüber, weiß es aber selbst nichtDas Agatha-Christie-Setting des neuen Romans von Bernhard Schlink ist perfekt. Zwölf Personen, verbunden durch eine gemeinsame Vorgeschichte, versammeln sich für ein Wochenende in einem Haus auf dem Lande, und alles sieht exakt so aus,wie es in diesem literarischen Genre eben auszusehen hat: «Steinerne Mauer, eisernes Tor ... mehr
|
|
Bücher des Monats |
Cormac McCarthy - Kein Land für alte MännerTöten ist ein umständliches Geschäft Wie der Kulturpessimist Cormac McCarthy die Gewalt in Amerika in ihren Steigerungsstufen vorführt – vom treuherzigen Sheriff über den zweifelnden Desperado bis zum irren Serienkiller
VON CHRISTOPH BARTMANN
Sheriff Ed Tom Bell versteht dieWelt nicht mehr. Der Ruhestand rückt näher, und auf einmal sieht sich der alte Haudegen mit einer Form der Gewalt konfrontiert,wie sie in seinem langen Berufsleben ... mehr
|
|
Die Beiseite |
|
Immer was los am Himmel
Über das Wetter zu schimpfen, ist wie Weltmeisterschafts-Ausrichten im eigenen Land – der Isländer tut es, der Inder tut es auch. Nur ein Thema verbindet noch mehr: der Tod. Der bekanntlich durch das Wetter herbeigeführt wird
VON SIBYLLE BERG
Tropenklima: Jetzt wird’s gefährlich» ist die Überschrift auf der Titelseite einer besorgten deutschen Tageszeitung. Diese Schlagzeile impliziert, dass sich alle in ... mehr
|
|
|
Mitten aus... |
|
Turin
VON HENNING KLÜVER
Israel ist das Gastland der diesjährigen Turiner Buchmesse, der Fiera Internazionale del Libro di Torino, die in der zweiten Maiwoche, über Pfingsten, stattfindet. Schon imVorfeld der Messe war diese Wahl des Gastlandes heftig kritisiert worden, wegen der aktuellen politischen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern. Politiker von linken Parteien sowie Vertreter pro-arabischer Gruppen äußerten den Verdacht ... mehr
|
|
|
Netzkarte |
|
Kein Date ohne Google …
… alles andere wäre anachronistisch. Muss man vorher alle peinlichen Spuren verwischen, die man im Internet hinterlässt?
Woran man so alles denken muss! «Der erste Eindruck zählt – und diesen bestimmt immer öfter das Internet», so warnt die Website www.deinguterruf.de. «Wenn Personalverantwortliche, Vermieter oder Partnermehr über Sie wissen wollen, werden sie online recherchieren. Manch längst vergessener Forumeintrag ... mehr
|
|
|
Literatur im Kino |
Eine seltene LiaisonWiedersehen auf DVD: «Der englische Patient» in der Version des verstorbenen Filmemachers Anthony Minghella
Das Bonus-Material der neuen DVD ist sorgsam aufgelistet: das übliche «Making of» zur Produktionsgeschichte, Fotogalerien, Trailer und– ein «Sonderdruck des Beststeller-Romans». Man glaubt es kaum. Da lässt sich doch ein vollwertiges, gut gedrucktes Taschenbuch aus der Klappbox schieben! Einfacher wäre es umgekehrt gewesen: Eingeklebte Silberscheiben ... mehr
|
|
Vorschau |
|
Demnächst in LITERATUREN
Wohn dich glücklich Wann ist ein Haus gut? Die Frage ist alt, aber noch immer nicht erschöpfend beantwortet. Georg und Dorothea Franck versuchen es in ihrem Buch «Architektonische Qualität».Und wann macht ein Haus glücklich? Diese Frage ist selten, aber fast noch wichtiger.Alain de Botton, der philosophierende Schriftsteller aus London, hat ihr einen eleganten Essay gewidmet: «Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein».Wolfgang Kemp prüft neueste Antworten auf architektonische Fragen.
Grenzüberschreitend Jan Böttcher, Jahrgang 1973, ist ein Autor desMulti-Tasking: Mit seiner Band nimmt er Platten auf, er ist Organisator undModerator, schreibtWerbetexte und Literatur – in seinem neuen Roman «Nachglühen» erzählt er alsWessi von der DDR. Frauke Meyer-Gosau trifft dasMultitalent an seinen Arbeitsplätzen.
Das Juni-Heft von LITERATUREN erscheint am 23. Mai 2008
P.S. unbedingt lesen sollten Sie...
Kerstin Holm: «Rubens in Sibirien. Beutekunst aus Deutschland in der russischen Provinz» Berlin Verlag, Berlin 2008. 160 S., 18 ¤
Dürers Grafik «Frauenbad» im aserbaidschanischen Baku; «Jupiter und Io» von Jacob Jordaens und Rembrandts «Bathseba im Bade» im Kunstmuseum Tula; Schinkel in Irkutsk, El Greco in Nischnij Nowgorod – Beutekunst aus Deutschland findet sich nicht nur in den staatlichen Sammlungen inMoskau und St. Petersburg. Kerstin Holm, dieMoskauer Kulturkorrespondentin der FAZ, hat russische Provinzmuseen nach Kunstwerken durchkämmt, die von den Trophäenbrigaden der Roten Armee dorthin verschleppt oder von plündernden Soldaten verkauft wurden.Holms schmaler, aber präzis recherchierter und faszinierend zu lesender Fahndungsbericht belegt nicht nur die abenteuerlichen Irrwege erbeuteter Kunstwerke nach 1945 und zeichnet die windungsreiche deutsch-russische Restitutionspolitik nach; er fragt auch nach den ästhetischenWirkungen westlicher Beutekunst auf russische Kunst und Künstler und kommt dabei zu überraschenden Erkenntnissen.
SIGRID LÖFFLER
|
|