Editorial |
Metamorphosen
Was Sie in Händen halten, liebe Leserin und lieber Leser, ist ein Wandel der Gestalt,
nicht des Wesens: LITERATUREN wird auch in Zukunft zwischen Ihnen und den Büchern
vermitteln; wird sich auch in Zukunft vor allem mit «guten» Büchern beschäftigen – mit
spannenden, eigensinnigen, unterhaltsamen, tiefgründigen, ungewöhnlichen Geschichten
und Gedanken; zugleich wird die Zeitschrift hoffentlich noch mehr interessierte
Menschen dazu verführen, Bücher zu lesen.
Die neue Heftstruktur ist orientiert an den Stufen, über die Literatur sich verwirklicht. Am
Anfang steht die Wahrnehmung der Welt, ... mehr
|
|
|
Portrait |
Ganz Auge
ganz Ohr
Emmanuelle Pagano stammt aus der Ardèche – hier spielen auch ihre Romane.
Ihre Heldinnen sind alltäglich, deren Geschichten alles andere als das.
Begegnungen in einem unbekannten literarischen Territorium
VON FRAUKE MEYER-GOSAU
Der Greifvogel schwebt mit ruhigem Flügelschlag auf
die nächstgelegene Schlucht zu, von seinem Schnabel
herab baumelt etwas Armlanges, Bewegliches. «Ein Bussard!
», ruft Emmanuelle Pagano begeistert. Und was
hängt ihm da aus dem Schnabel? «Eine Schlange», konstatiert sie
seelenruhig, als antworte sie auf die Frage, was es zum Frühstück
gab: «ein Croissant». Und schon kreuzt ein anderer Vogel mit
weiten Schwingen den Fahrweg, dicht vor uns her fliegt er, dann
lässt er sich tiefer ... mehr
|
|
|
Das Gespräch |
Das Hemd der Geliebten und der Mantel der GeschichteChristoph Hein und Ingo Schulze über den Herbst 1989, das lange Warten auf den Wenderoman und die Bedeutung der Literatur
Literaturen Das Warten auf «den großen
Wenderoman»war ein Ausdauersport des Feuilletons.
Dabei ist gar nicht so recht klar, was ein
«Wenderoman» eigentlich ist. Andererseits sind
seit Mitte der neunziger Jahre unzählige Romane
geschrieben worden, von denen es hieß, sie seien
welche – so von Ihnen «Landnahme» und
«Willenbrock», von Ingo Schulze vo ... mehr
|
|
Büchermacher |
Der Kritiker ist immer allein
Deutschland sucht den Top-Rezensenten – und zwar im Internet. Ein Treffen mit dem Amazon-Starkritiker Thorsten Wiedau VON RONALD DÜKER
Wenn es nach Alex Dengler geht,
ist er der neue Literaturpapst. Der
frühere Möbelkaufmann war bis
2002 «Top-Rezensent» Nr. 1 auf
Amazon.de, dann warb ihn «Bild am Sonntag»
ab: «Meine Kolumne», so heißt es auf derWebsite
des 34-Jährigen, «wurde in den sechs Jahren,
in denen ich sieWoche fürWoche mit großer
Hingabe und Leidenschaft mit Leben, mit
Büchern füllte, Kult. Dazu machten sie die vielen
Millionen Leser, die sie Woche für Woche
schon innig erwarteten. In diesen sechs Jahren
habe ich weit ... mehr
|
|
|
Bücher des Monats |
So wenig entscheiden wie Gott Richard Powers: Das größere GlückRichard Powers stellt die Fragen nach Sinn und Schicksal auf eine molekulare Basis. «Das größere Glück» ist der erste post-genomische Roman VON JÖRG MAGENAU
Vielleicht werden wir demnächst Gen-Sequenzen aus dem
Internet herunterladen wie heute Klingeltöne fürs Handy.
Paare wählen aus Katalogen die Charaktereigenschaften
für ihr Kind und zahlen dafür Lizenzgebühren, als wären es Filmrechte.
Der Mensch wird in diesem «transhumanen Zeitalter» gut
und gerne 150 Jahre alt, und er wird viel Verantwortung zu übernehmen
haben. Aus der Kenntnis des Genoms hat er diemoralische
Pflicht abgeleitet, die Verbesserung der Welt genetisch voranzutreiben.
«Warum sollten wir etwas so Wunderbares wie das Leben
... mehr
|
Im Zickzack durch Lummerland Julia Voss: Darwins Jim KnopfWie Michael Ende seine Helden Jim und Lukas gegen die Evolutionstheorie antreten lässt VON RENÉ AGUIGAH
Mitten in der Wüste, nachdem ihm schon mehr als eine
Fata Morgana die Sinne verwirrt hat, sieht Jim Knopf
einen bärtigen Mann «von so ungeheurer Größe, dass
selbst das himmelhohe Gebirge ‹Die Krone der Welt› neben ihm
wie ein Haufen Streichholzschachteln gewirkt hätte». Doch als der
Riese näherkommt, schrumpft er Schritt für Schritt, bis er kaum
größer ist als Lukas, der Lokomotivführer. Er entpuppt sich als friedlicher
Greis, führt Jim und Lukas zu seiner Oase und weist ihnen
den Weg in Richtung Drachenstadt. Später wird er als lebendiger
Leuchtturm eingesetzt – eine geniale ... mehr
|
|
Gedankenstrich |
Gehirngedanken
Gestern Abend wieder zu viel Wein getrunken, jetzt muss ich vor dem Weiterleben mühsam
meine Identität rekapitulieren, im Ausweis steht ja nicht viel. Es wäre eine gute
Gelegenheit, einfach einen Neuanfang zu wagen, als jemand, den ich mir selber
aussuche. War ich eigentlich eher links oder rechts? Wie soll ich das jetzt rausbekommen?
Wenn ich mir meinen Kopf von innen vorstelle, sehe ich unter der
Schädeldecke entzündete, rotgeäderte Haut und unter einer Schicht abgestandener
Luft träge fließende Lava, mein Gehirn, an dessen Oberfläche Wirbelströme
zucken, die sich ... mehr
|
|
|
Netzwerk |
Mikropoesie nach Nummern:
Die Netzdichtung von Monika Rinck
Literatur und Internet – war da nicht mal was?
Vor gut zehn Jahren verhießen zahllose Online-
Projekte einen kompletten Neustart des
literarischen Texte(n)s. In der Netzstruktur
– so das Versprechen – würde eine neue,
nicht-erzählerische Ästhetik entstehen, ein
neo-modernistischer, an der Materialität der
Sprache orientierter Schreibstil. Früher oder
später würde auch das ... mehr
|
|