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«Mein Geist hebt ab»
Phantasie als Lebensrettung: Der Maler Julian Schnabel verwischt in «Schmetterling und Taucherglocke» die Grenzen zwischen Experimental- und Erzählfilm
Computer sagt, das Buch sei da, doch die Verkäuferin kann es im Regal nicht finden – eine Autobiografie über die letzten Monate im Leben von Jean-Dominique Bauby, dem Chefredakteur der französischen «Elle», der 1995 mit 43 Jahren starb. Der schmale Buchrücken lässt sich kaum dafür verantwortlich machen, dass «Schmetterling und Taucherglocke» so leicht verloren geht. Eher verhält es sich so: Niemand hat den Band unter «Biografien» einsortiert. Sein lyrischer Stil empfiehlt es für die «Belletristik»-Regale. Es sei denn, das überaufmerksame Personal zieht aus dem Entstehungsprozess des Buches andere Schlüsse: Da der an seinem ganzen Körper gelähmte Autor den Band mit seinem einzigen beweglichen Muskel diktierte, mit dem linken Augenlid, kommen auch andere Sparten in Betracht: Medizin, Lebenshilfe, Esoterik… So wird das Buch eines Behinderten schnell zum «Behindertenbuch». Aber, Glück im Unglück, jetzt kann man es wieder finden: Neuerdings steht es im Regal «Das Buch zum Film». Julian Schnabel – einer der Stars der postmodernen Malerei, 56 Jahre alt – hat diesen ungewöhnlichen Text zur Grundlage eines einzigartigen Films gemacht.Was er in «Schmetterling und Taucherglocke» gefunden hat, ist zuallererst die Kunst der Beschränkung. Wer sich, wie der Autor, jeden einzelnen Buchstaben nach einer Zahlentabelle mühsam erblinzeln muss, redet nicht lange um den heißen Brei herum. Schon im sechsten kurzen Absatz findet Bauby das titelgebende Bild für die Erfahrung seines Eingeschlossenseins im eigenen Körper, auch für die Freiheit einer grenzenlos schweifen- denVorstellungskraft: «Meine Taucherglocke wird weniger besitzergreifend, und mein Geist hebt ab wie ein Schmetterling. Es gibt so viel zu tun.Man kann imRaumoder in der Zeit spazieren, sich aufmachen nach Tierra del Fuego oder zum Hof von König Midas.» Es dauert rund zwanzig Minuten, eine ganze Rolle Kinofilm läuft durch den Projektor, bis man überhaupt das Gesicht des Hauptdarstellers Mathieu Amalric zu sehen bekommt. So lange,bis der aus dem Koma Erwachte in einen Spiegel blickt. Julian Schnabel erfüllt sich einen alten Cineastentraum: den Filmaus der Perspektive der Ersten Person Singular. Da diese Person aber vor allem in ihrer Phantasie lebt – denn jede andere Welterfahrung ist zunächst einmal verstellt –, muss die Kamera schwerelos sein.
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