|
Dada für Diskotanten
Fahrstuhlstimmen und Großdruckschrift: Gut gemeinte Seniorentreffs im Netz verfehlen oft die Zielgruppe
Vor einiger Zeit versehentlich hingeklickt. Eine freundlich-sonore Frauenstimme (bekannt aus modernen Fahrstühlen) erzählt ohne jegliche Intonation: «Ein gutes Jahr 2008 wünscht der Seniorrrentreff. Wir bieten Ihnen eine kostenlose Plattform für Kommunikation und Gedankenaustausch mit Menschen reiferen Alters und freuen uns, wenn Sie die vielen kostenlosen Möglichkeiten. Hier. Zu diskutieren.Cuttenlogen. Bilder, Alben. Gästebücher bei uns nutzen. Link. Braub Userinnen. Link. Brennendes Eis.Aktuelles. Die neuesten Beiträge und Informationen aus dem Seniorrrentreff erfahren Sie links im Navigationsmenü. Link. Unter Aktuelles oder hier. Besonders wichtig sind uns die rrrealen Treffen. Hier können Sie. Link. Planung neuer Treffen. Oder Link Berichte über vergangene Treffen. Einsehen. Hilfestellungen für neue Benutzer. Sie können sich diesen Text vorlesen lassen. Dazu müssen Sie nur auf den roten Lautsprecher oben rechts klicken.Sie können rechts neben dem Lautsprecher die Textgröße auch so einstellen, wie es Ihnen angenehm ist. Indem Sie auf Plus oder Minus klicken. Link. Sie finden oben rechts. Link. Hilfe für Neuerlinge. Link. Hilfe für bisherige Diskotanten.» Gut gemeint vom Seniorentreff (www.seniorentreff.de). Aber irgendetwas läuft da schief. Dann doch lieber den Text lesen und dazu die Schrift größer einstellen, von 12 auf 16 Punkt. Denn andere Vorträge der anonymen Digi-Stimme sind nicht weniger dadaistisch und dürften die interessierten Senioren noch tiefer in Verwirrung stürzen. Aber was für Senioren sind das eigentlich, die sich hier zum Networken und Bloggen («So geht Bloggen») treffen sollen? Das fragtman sich bei einer «TED-Umfrage» des Seniorentreffs: «Liebe Seniorentreffler, um den Seniorentreff optimal auf seine Besucher abzustimmen,möchten wir von euch einiges wissen. Hier ist die erste Frage:Wie alt bist du?» Digital vorgelesen, geht es dann so weiter: «Null – Gedankenstrich – Zwanzigsten. 21 –Gedankenstrich –Dreißigsten. 31 – Gedankenstrich Vierzigsten.» Bis hin zu: «81 – Gedankenstrich – Neunzigsten. Neunzigsten.» Wohl wollend könnte man diesen Quatsch als subversive Strategie gegen Altersrassismus verstehen: Um niemanden wegen seinesGeburtsdatums zu diskrimieren,werden unterschiedslos alle in die Seniorenecke gestellt, sogar User, die «Null – Gedankenstrich – Zwanzigsten» anklicken.Altbacken, könnte man sagen, ist dagegen die Bundesregierung mit ihrer neuen Seite www.50plus-ans-netz.de. «Ganz einfach Internet», so das Motto. Gleich auf der ersten Seite wird man auf Pflegeangebote hingewiesen. Widerspricht das nicht den demografischen Erkenntnissen von den «neuen» und «fitten» Alten? In dem beliebten Blog www.mehrzweckbeutel.de («Magazin für non-lineare Lebensführung») wird das Projekt denn auch als «alte-säcke.de» denunziert.«Da gibt die Bundesregierung doch tatsächlich meine Tabaksteuer für eine Kampagne aus, die alte Menschen ans Netz heranführen soll. Noch mehr?», schreibt einer. Ganz schön «link».
ARAM LINTZEL
|