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Reisen oder Versetztwerden
Ob von der europäischen Landmasse aus oder von der hohen See: wenn große Reiche untergehen, sind Joseph Conrad und Joseph Roth die kompetenten literarischen Berichterstatter
Man stelle sich vor,es gäbe noch literarische Salons, und irgendeiner hätte die Frage in die Runde geworfen, was denn das Ähnliche und das Trennende zwischen Joseph Roth und Joseph Conrad sei. Hätte es in diesem Salon überhaupt Leser gegeben, die beide Autoren gerne lesen? Den einen, der ähnlich wie Roth mitten in der europäischen Landmasse geboren ist und doch von Seehelden erzählt, in der Sprache der Seehelden,Englisch.Von Helden,die immer nach draußen müssen, den Abenteuer routendes Imperialismus nach, dabei aber tief im eigenen Innern getroffen, ja, verwandelt werden. Und den anderen, demdas Bild des Kaisers seiner Kindertage im späteren Leben zur Ikone wird, dem sein Reich zerbricht, ein Österreich, das sich immermehr in besonnte Erinnerung zurückzieht, kein Meer nirgends,auf das man entkommen könnte.Von den beiden populärsten Werken dieser europäischen Schriftsteller liegen jetzt zwei Einspielungen vor, an denenman denVergleich bis in den Gestus ihrer Vorleser hinein genussreich weiterspielen kann. «Herz der Finsternis» beginntmit einer Schiffsfahrt auf der Themse. Hier beschwört der Erzähler, Kapitän Marlow, die graue Vorzeit, in der einst die römischen Eindringlinge ins Innere Britanniens, in die Finsternis vorstießen. Und hier erzählt er von seinen Abenteuern in Afrika.Von einer Reise auf einem Fluss tief in das Innere des Kontinents, an deren Ende keine Eroberung steht, sondern die Begegnungmit einem Eroberer, der das Land mit äußerster Grausamkeit ausgebeutet hat.Und denderErzähler dennoch vor denMitreisenden in Schutz nimmt. Er sieht ihn nicht als Verrückten an, nicht als wahnsinnige und gefährliche Witzfigur,sondernals jemanden,der in den Abgrund seines eigenen Inneren geblickt hat und den Schrecken am eigenen Leibe vorführt. Entgrenzung und Grausamkeit brechenauf,derdünne Schutzmantel der Zivilisationfällt, wenndie Zivilisation siegreich durch gesetzt werden soll. Und die gierigen Motive des Kolonialismus liegen nackt und blutig vor unseren Augen. Es stimmt trotzdem,was der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe Conrad vorgeworfen hat: dass Conrad in seinen Bildern der Eingeborenen kolonialistischen Stereotypen verhaftet sei und sein Buch eine Projektion der europäischen Seele,die sich das Dunkle, Naive und Dumpfe als Gegenbild ihrer eigenen vermeintlichen Helle schaffe. Und doch gibt es keinen genaueren Zeugen für die zerstörerische Wut solcher Projektion als Conrad selbst – einen Zeugen freilich, der trotz aller Empathie nie programmatisch von der Seite der Täter auf die Seite der Opfer wechselt. Wegen des einbettenden, fast behäbigen Rahmens schwebt jeder Vorleser in der Gefahr, zu sehr in eine reflexive, altersmüde Stimmführung zu verfallen, die von einer abgeschlossenen Erfahrung – «lang ist es her» – berichtet. Manfred Zapatka dagegen leiht seinem Erzähler eine helle Gegenwärtigkeit, es ist der junge Mann im alten, der hier spricht. Und plötzlich hört man einen harten metallischen Grundton, und er passt! Denn dem Erschrecken geht die eigene Aggression voraus, der späteren Weigerung, wieder ins Dunkel zurückzukehren, die scham - und mitleidlose Neugier und dem Gefühl des Bedauerns der Wunsch, einen Totschlag zu begehen. In der Hörspielfassung von Michael Köhlmeier wird Marlows Erzählung zu einem Rechenschaftsbericht komprimiert, den der zurückkehrende Kapitän seiner Gesellschaft in Nachfrage und Antwort zu geben hat.Das hat alle Qualitäten einer guten Kompaktfassung,die Doppeldeutigkeit Conrads aber geht verloren, denn sie kannsich nur im Reflexionstempo einer vielfach auf gehaltenen Reise entwickeln. Im «Radetzkymarsch» reisen die Helden nicht, sie werden versetzt. Und das zutiefst Andere, dem Conrads Held im Inneren Afrikas begegnet, findet sich bei Roth an den äußeren Grenzen des Reiches, mit Sümpfen, die ein Zeichen für das Verhängnisvolle und Tückische sind, die nach den Menschen greifen und ihre Contenance zerstören. Michael Heltau liest gelassen.Er eilt nicht voraus, als sei er begierig, immer gleich hinter die nächste Ecke des Erzählten zu kommen. Viel Luft ist zwischen den Sätzen, und das passt zu Roth. Denn dessen Stil lässt eine Weite um die Figuren entstehen, Raum, den der Erzähler sich schafft, damit er seine Zuhörer verlässlich führen kann.Nur wenig wienerisch timbriert ordnet Heltau die Landmasse des Romans, umso lebendiger konturieren sich dagegen die Personen in Dialog und Dialekt, ein Typen- und Stimmenkarussell aus demspätenÖsterreich-Ungarn. Und über allem das Bild des Kaisers.Mit bitterer Intelligenz und Wehmut zeigt der «Radetzkymarsch»,wie eine ganze Welt mit einer ihr selbstunbewussten Starrheit dem Untergang entgegensinkt. Der erste Trotta hat den Kaiser noch gerettet, der letzte wird als einer der Ersten im Weltkrieg sterben. Wieder zurück im literarischen Salon, hätte man hier vielleicht eine Gemeinsamkeit beider Schriftsteller: die ambivalenzgesättigte Genauigkeit, mit der sie ein untergehendes Reich kritisch beschreiben – und doch nicht davon loskommen.
BERNHARD GLEIM
JOSEPH CONRAD Herz der Finsternis Gelesen von Manfred Zapatka. Argon, Berlin 2007. 4 CDs + 1MP3, 310 Min., 29,95 ¤
Herz der Finsternis Hörspiel. Texteinrichtung Michael Köhlmeier, ORF 1990. Der Hörverlag, München 2008. 1 CD, 60 Min., 14,95 ¤
JOSEPH ROTH Radetzkymarsch Gelesen von Michael Heltau. Diogenes, Zürich 2008. 14 CDs, 1042 Min., 49,90 ¤
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