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London
VON DAVID FLUSFEDER
Nichts wird in der literarischen Welt erbitterter ausgetragen als ein Streit um Prinzipien. Deshalb hatte ich Protestkundgebungen draußen erwartet, Transparente, Schimpfworte, Beleidigungen, eine Fortsetzung der bitteren Vorwürfe, die aus den Leserbriefseiten der meisten Tageszeitungen und des «Times Literary Supplement» quollen. Aber die Weihnachtsfeier der London Library war dann doch überraschend friedlich verlaufen. Die London Library ist die größte Mitglieder-Bibliothek der Welt. Sie liegt in einer Ecke des St James’s Square, also im «alten» London: Häuser im georgianischen Stil, Kunsthändler, Herren-Clubs – der Typ London, den unschuldige Amerikaner gerne für ein Abbild des Ganzen halten. Auf ihre etwas wackelige Art floriert die Bibliothek seit 1845,vier Jahrenach ihrer Gründung durch den Historiker Thomas Carlyle. Der hatte die British Library satt – die vielen Leute,das Gedränge, den Staub, die oft endlose Warterei auf bestellte Bücher, die man nur an Ort und Stelle lesen durfte.Also startete Carlyle eine neue Bibliothek – mit offenen Regalen. Mitglieder konnten hier schmökern und sogar Bücher mit nach Hause nehmen. «Ein Buch ist etwas, das Sammlung erfordert. Ein Mann muss mit dem Buch allein sein», schrieb Carlyle. Thackeray und Gladstone saßen im Gründungskomitee, Charles Dickens und George Eliot zählten zu den ersten Mitgliedern. Unter den früheren Präsidenten und Vizepräsidenten finden sich Namen wie T. S. Eliot, Rudyard Kipling, Alfred Lord Tennyson, Leslie Stephen,der Vater Virginia Woolfs, Rebecca West oder Isaiah Berlin. Der gegenwärtige Präsident ist der Dramatiker Tom Stoppard. Die London Library ist die englische intellektuelle Einrichtung überhaupt – in ihrer feinsten demokratischen Form. Auf den Regalen stehen derzeit mehr als eine Million Bücher. Kein Buch, abgesehen von Dubletten,wird je entfernt. Jedermann kann Mitglied werden. Und die Hausordnung enthält immer noch liebenswürdige Zusätzewie diesen: «Kein Mitglied, das im Lesesaal einschläft, darf vor der Sperrstunde geweckt werden.» Als ich vor etwa fünfzehn Jahren der Library beitrat, war ich erkennbar eines der jüngsten Mitglieder. Mit dem verhaltenen Entzücken eines Eindringlings weidete ich mich an den edlen Holzregalen, der Leder- und Samt-Ausstattung, den Metallgitterböden – weibliche Mitglieder lernen schnell, dass man hier besser keine Röcke trägt, wegen des Einblicks von der Etage drunter. Es störte mich nicht, dass der Lesesaal beherrscht wurde von rotgesichtigen Männernmit Schuppen auf den Schultern, die einander anblafften. Im Buch für Anregungen und Vorschläge, das im Foyer auslag, fand sich neben Empfehlungen, arkane Zeitschriften und entlegene Journale zu abonnieren, auch manch mürrischer Aufschrei: «WÜRDEN MITGLIEDER BITTE DAVON ABSTAND NEHMEN, IM LESESAAL DIE STIMME ZU ERHEBEN!» Heutzutage gibt es Computer-Terminals auf jeder Etage, überall mit Wikipedia-Anschluss; der Lesesaal ist fast doppelt so groß wie früher, und die rotgesichtigen Männer sind ausgestorben; an ihrer Stelle sitzen Drehbuchschreiber, Biografen und Roman- Autoren mit ihren Laptops. Das Buch für Anregungen und Vorschläge gibt es immer noch; neben Empfehlungen, arkane Zeitschriften und entlegene Journale zu abonnieren, finden sich zornige Forderungenwie: «MITGLIEDER MÖGEN AUFHÖREN, IM LESESAAL IHRE MOBILTELEFONE ZU BENUTZEN!» In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Bibliothek ausgedehnt, hat Nachbargrundstücke aufgekauft und dazugebaut. Im letzten Jahr belief sich der Mitgliedsbeitrag auf 210 Pfund. In diesem steigt er um 80 Prozent – auf 375 Pfund. Bei der Jahreshauptversammlung im vergangenen November wurde eine Botschaft von Präsident Stoppard verlesen (er selbst war verhindert, hatte am Broadway zu tun). Darin zitierte Stoppard seinen Vorgänger T. S. Eliotmit dem Satz,dass «das Verschwinden der London Library eine zivilisatorische Katastrophe» wäre. Mag sein. Aber die Mitgliedsbeiträge sind deshalb so exorbitant gestiegen, weil die Bibliothek, genauer gesagt: deren Mitgliederschaft, für ihren Ausbau und ihre aggressive Erweiterung aufzukommen hat. Geplant sind ein zweiter Lesesaal, unterirdische Regal- Räumlichkeiten, weitere Computer-Terminals sowie eineNeuordnung der Bücher. Alle Kataloge sollen digitalisiert werden (heute sind nur zehn Prozent der Buch-Ankäufe bis 1950 online gelistet). Außerdem soll es eine Dachterrasse geben. «Von dort wirdman das Riesenrad London Eye sehen können», versprach Tom Stoppard, verbürgte sich aber gleichzeitig dafür, dass die Library «ihren altmodischen Charme» behalten wird – «ohne die Formlosigkeit». Angesichts der wahnwitzig hohen Mietpreise in London ist es für Autoren schwierig geworden, Arbeitsstudios zu finden, die sie sich auch leisten können. Wennman das richtige Temperament dafür hat oder durch eine Public-School-Erziehung an derlei gewöhnt ist,dann wird man den Lesesaal als einen sympathischen Ort empfinden. Trotz des neuen Mitgliedsbeitrags ist er immer noch eine preiswerte Arbeitsstätte mit erschwinglicher Jahresmiete. Indes:wie es «Sammlung» erfordert, um ein Buch zu lesen, so sollte ein Mann auch mit dem Buch allein sein dürfen, das er schreibt. Carlyles Wort gilt immer noch. Die London Library ist ein unvergleichlicher Zufluchtsort, der soeben seine ärmeren und formloseren Mitglieder vertreibt. Bei der letztenWeihnachtsfeier (ohne Stoppard, aber mit ein, zwei berühmten Biografen und jeder Menge Drehbuchschreiber) war von den Kriegshandlungen, die seit längerem tobten, nichts zu spüren. Die vielen dutzend Mitglieder, die aus Protest ausgetreten sind, waren am St James’s Square nicht anwesend. Die Entscheidungen sind gefallen, der Krieg ist gewonnen.
(Übersetzung aus dem Englischen: die Redaktion)
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