Suche 
 
 
Ausgabe 04/08
Kurz und Bündig
Ihre Reporter-Kollegen nannten sie bewundernd «die blonde Gefahr» oder «Desaster Girl». Und F. Scott Fitzgerald kommentierte ihre Hochzeit mit dem geschätzten Kollegen erfreut: «Jetzt hat Hemingway
endlich einmal eine wirklich schöne Frau erwischt und versucht es nicht wieder mit der Pygmalion-Nummer. »Martha Gellhorn war eine berühmte Kriegsreporterin, eine engagierte Journalistin, eine Schönheit, und sie war – vier Jahre lang – die Frau von Ernest Hemingway. Mit ihm lebte sie auf Kuba in der Finca Vigia, mit ihm war sie im Spanischen Bürgerkrieg, ohne ihn später in jedem «der großen bewaffneten Konflikte» des Jahrhunderts. Mit 21 Jahren ging sie nach Europa, später verfasste sie berühmte Sozialreportagen und entwickelte einen damals noch ungewöhnlichen subjektiven Stil. Neben genauer Beobachtung und akribischer Recherche stand die persönliche Haltung im Zentrum, journalistische Objektivität hielt sie für «shit». Sie schrieb für große amerikanische Magazine und verdiente viel Geld. Sie führte – mit dem Furor einer Journalistin, die berichtet, weil sie Ungerechtigkeiten anprangern will – ein gefährliches Leben: «Ich will nicht gut sein, das ist etwas für picklige Menschen …Ich möchte wie die Hölle rasen oder tot sein.» Diese Haltung verband sie mit Hemingway, aber das reichte nicht für ein dauerndes gemeinsames Leben. Er machte sie jedenfalls ziemlich bald ziemlich unglücklich. Nach der Scheidung wollte sie nie wieder mit und von ihm reden. Ihre literarischen Ambitionen waren ihr trotz des rasenden Kriegsreporterinnen- Lebens nie abhanden gekommen. Die 1908 geborene Martha Gellhorn hat acht Romane, viele Erzählungen und Essays geschrieben. Sie ist ohne Zweifel eine originäre Schriftstellerin. Davon zeugen auch die drei Novellen aus dem Jahr 1965, die jetzt zum ersten Mal in (guter) deutscher Übersetzung erschienen sind. Da geht in der ersten Novelle eine vielversprechende Karriere zu Ende, bevor sie recht begonnen hat, weil der in Liebesdingen souveräne Junggeselle plötzlich eben diese Souveränität verliert. Aus einer Affäre wird Ernst, und aus dem Mann mit den besten beruflichen Perspektiven ein verzweifelter Säufer, der nicht begreift, warum ihn das Unglück heimsucht. Protagonist der zweiten Novelle ist ein kühl seinen Vorteil bedenkender, jüdischer Franzose; er entkommt zwar rechtzeitig den Nazi-Schergen und wird ein angesehener Anwalt erst in England, später in Amerika, weil er meint, «den genauen Preis des Erfolgs» zu kennen, aber auch ihn bringt eine absurde Liebe an den Rand des emotionalen Ruins. Allerdings wird er durch diesen Liebesschock seinen Mitmenschen sympathischer.Welche Irrtümer und Lügen sind Bausteine einer Existenz? Davon erzählen ebenso ironisch wie menschenklug diese Novellen, in denen vor allem die Ehe als Lug- und Trug-Gemeinschaft durchschaut wird. Bestenfalls wird sie so definiert: «Wenn es auch nicht Glück war, so war es doch die Abwesenheit von Schmerz.» In der dritten (und eindrucksvollsten) Novelle «Fall und Aufstieg von Mrs. Hapgood» steht eine Frau in mittleren Jahren im Zentrum, die sich – was den männlichen Protagonisten nicht gelingt – neu erfindet, an Erkenntnis gewinnt und sich am Ende traut, was die meisten Menschen fürchten, nämlich allein zu leben. Nachdem die zufriedene Ehefrau den langjährigen Betrug des Mannes entdeckt hat, macht sie sich auf in eine neue Existenz, die in eine neue Ehe münden könnte, aber «die Wahrheit war, dass sie genug Ehe für ein Leben hinter sich hatte».Martha Gellhorn erzählt virtuos und kenntnisreich, variiert (wie schon in dem Novellenband «Paare», siehe LITERATUREN 6/2007) Liebes- und Paar-Konstellationen.
Sex und Erotik kommen vor, spielen aber keine entscheidende Rolle. Auf Gellhorns privater Skala der Paar-Prioritäten stand denn auch das gemeinsame Lachen obenan, danach kam das Gespräch, dann erst die Liebe – und der Sex lag ziemlich weit hinten auf Platz vier. Martha Gellhorn liebte vor allem ihre Unabhängigkeit. Die letzten Lebensjahre verbrachte sie allein in London. Dort beging sie im Alter von 90 Jahren Selbstmord. Sie inszenierte diesen letzten Akt mit der gleichen Perfektion und Stilsicherheit, die ihre Texte auszeichnet.




Martha Gellhorn
Muntere Geschichten für müde Menschen
Übersetzt von Miriam Mandelkow
Doerlemann Verlag, Februar 2008
gebunden - 254 Seiten, 21,90 ¤





Dieses Buch jetzt bestellen!







Vorschau
Bestellen Sie unseren Newsletter mit der regelmäßigen Vorankündigung. Sie
erfahren schon im Vorfeld der Veröffentlichung den Heftinhalt.
Ihre Aktion
Anrede
Titel
Vorname
Nachname
E-Mail
Web Tipps
Partituren
Das Magazin für klassische Musik
Schwerpunkt: Beethoven

[X] Schliessen
kultiversum
Literaturen ist umgezogen - auf die neue Kulturplattform kultiversum.de. Dort finden Sie alle aktuellen Inhalte: www.kultiversum.de/Literaturen

Sie möchten Literaturen kostenlos kennenlernen, ein Abonnement oder ein Heft bestellen? http://www.kultiversum.de/shop.html

Auf www.literaturen.de finden Sie auch weiterhin die Inhalte der vergangenen Jahre.