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Ausgabe 04/08
Bücher des Monats
Clemens Meyer - Die Nacht, die Lichter

Künstlich grell, naturfern, verloren
Wie sich Clemens Meyer, der Chronist ostdeutschen Jugend-Elends, in 18 Geschichten als ein Meister des Knock-out in der Hemingway-Nachfolge erweist

VON VERENA AUFFERMANN

Dass Clemens Meyer ein Mann fürs Dunkle ist, für die andere Seite des Wohlstands, wissen wir, seit vor zwei Jahren sein erster Roman «Als wir träumten» erschien (siehe LITERATUREN 4/2006) – eine kraft- und wutschnaubende Bilanz ostdeutschen Jugend- Infernos. Damals hielten sich große Begeisterung und Ablehnung der Kritiker die Waage. Meyers düstere Wahrhaftigkeit, seine Milieu- und Stilsicherheit waren perfekt – zu perfekt, wie einige behaupteten. Der 1977 in Halle/Saale geborene Debütant, der die Schulung des Leipziger Literaturinstituts durchlaufen hatte, rasselte bei den großen Literatur-Ehrungen von Klagenfurt bis zum Frankfurter Deutschen Buchpreis durch. Seine präzise Darstellung brutaler Ödnis litt am Paradox der Langeweile oder am Schrecken der Gewöhnung.
In seinem neuen Band mit 18 Erzählungen «Die Nacht, die Lichter» stellt sich Clemens Meyer Hemingway, seinem großen amerikanischen Vorbild, wie ein Boxer dem Ringrichter. Er zeigt erneut, was er kann, wieviel Kraft, Stil und Organisationsfähigkeit er besitzt – und wo seine Grenzen sind. Jede Geschichte hat ein dramatisches Finale. Die Storys spielen in Zügen, in Torgau, Köthen, Bitterfeld, Leipzig und an Orten, deren Namen unwichtig sind.Orte bestehen für ihn aus Straßen und Innenräumen, Fensternund Glasscheiben. Begriffe wie wohnlich oder gemütlich sind ihm zutiefst fremd. Er ist an der Brechung zwischen Innen und Außen, an der Reflexion des Lichts und der Spiegelung des Gegenübers interessiert. Clemens Meyer ist ein Meister des Abschieds, der Abfahrten und des Knockout. Die Worte Glück oder Liebe liegen außerhalb des Ermessensspielraums seiner Akteure.Die Sehnsucht nicht.Zartheit und Zärtlichkeit werden durch Handlungen deutlich: Der Mann,der alles auf ein Pferd setzt, das Geld gewinnt,um seinen kranken Hund zu heilen, und ihn dennoch verlieren wird; der Arbeiter im Großmarkt, dem Marion «ziemlich gut gefiel» und der weder sie noch Bruno retten kann; der Blonde,der fast wie ein Mädchen aussieht, den der Ich-Erzähler aus dem Knast kennt und in einer Kneipe wiedertrifft, wo er sein Geld mit Kopfschmerztabletten verdient, die er als Ecstasy-Pillen verkauft.

Gescheiterte, Nutten, Zahnlose
Die Shortstory ist Clemens Meyers Spielfeld, über dem sein amerikanischer Gott Nachtwache
hält.Ganz anders als Ingo Schulze – übrigens auch ein ostdeutscher Hemingway- Schwärmer und Shortstory-Virtuose – ist Clemens Meyer ein Meister der Dunkelheit und ein Erzähler, der sich für die Ausschnitte des Kameraauges entschieden hat. Oft herrscht in den Szenen Nacht, oder die Tage sind von der Nacht nicht zu unterscheiden. Das Licht der gelblichen Straßenlaterne fällt durch die Lamellen einer Jalousie in erbärmliche Zimmer und wirft Schatten, S-Bahnen und Autos liefern die Geräusche.
Spiegel oder Glasscheiben werden als Reflexionsfläche eingesetzt. Schweiß ist das, was den Menschen übers Gesicht läuft, andere Duftspuren gibt es nicht. Wortkarg ist der männliche Ich-Erzähler –wortkarg wie die Frauen und Männer, die Verlorenen, die Nutten, die Zahnlosen, wie all die versammelten Verlierer. Zwischen die sparsamen Dialoge – «‹Bist viel allein, Christian›, sagt sie. ‹Nein, nein›, sage ich, ‹sie müsste bald
kommen…›» – fügt Meyer seine beschreibende Beobachtung ein, oft mehrere Absätze lang. Es sind karge Unterhaltungen mit langen Pausen. Die Sätze, die gesagt, genuschelt, ausgestoßen und abgetrotzt werden, sind abwehrend: «Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe, warum kapierst du nicht, dass ich nichts mir dir zu tun haben will?», sagt sie. Meyers einsamer Mann bestellt ein Bier, und sie sagt: «Na dann…zum Wohl. »Er nickt und sagt: «Zum Wohl», und sie stoßen an.
Wieder beschäftigt sich Clemens Meyer mit Gescheiterten und Arbeitslosen, mit den Träumern von einer besseren Welt, mit hoffnungslosen Phantasten, Mördern, Kleinverbrechern, Knastbrüdern, Hunde liebenden Alten, Boxern, Schwulen, Fabrikarbeitern, also mit «jeder Menge lädierter Typen». «Jede Menge» benutzter, eine modische, aus dem Amerikanischen übernommene Marotte, jede Menge zu oft. Das haben seine Texte nicht nötig. Denn sie haben Struktur, Rhythmus und einen knappen, harten Ton. Clemens Meyer interessiert sich für einen symptomatischen Ausschnitt. Er ist wie sein Ich-Erzähler Christian fasziniert von der Sprachlosigkeit der Menschen, ihren hilflosen Handlungen, ihrer Antriebslosigkeit, ihrer Ungeübtheit, das, was sie fühlen, in Worte zu packen. Man sieht dem Erzähler dabei zu, wie er Kinobilder nachstellt. Eine Nutte lehnt mit geöffnetem hellblauem Bademantel und rotem BH und Slip im Türrahmen. Oder: der Rivale tritt aus der Tür, der Erzähler hat ihn von seinem Platz unter der Brücke beobachtet. Er kann nur unter der Brücke stehen, ganz wie damals im Film noir.
Auch die Geschichte «Der Dicke liebt», die vom Lehrer Krein handelt, der die Zahlen und die Schülerin Juli liebt, hat viele Vorbilder. Aber Clemens Meyer erzählt in unpoetischer Rigorosität. Raffiniert benutzt er die Erinnerungsperspektive: Alles längst vorbei, die damals Elfjährige ist jetzt vielleicht schon Mutter. Damals ließ er sie nicht ausreden, weil sie immer «Meine Eltern» sagte. Meyer reißt die Handlungsfäden und Zeitebenen auseinander, beschreibt einen Bewusstseinswirbel, einen Wust aus Realität und Phantasie, Vergangenheit und Gegenwart. Das ist ein Meisterstück.
Die titelgebende Geschichte «Die Nacht, die Lichter » erzählt von einem Wiedersehen und einem Abschied. Er, Geschäftsmann geworden, kommt zurück anden Ort, in dem er aufgewachsen ist. Die Freundin, die ihn damals abblitzen ließ, sitzt ihm in einer Bar gegenüber und zieht den Strohhalm aus dem dunkelroten Cocktail.Meyer verwickelt die beiden in ein quälendes Gespräch: «Ich hab dich…hab dich so lange nicht gesehen», sagt sie, «und jetzt…und jetzt, versteh mich nicht falsch…»

Verlassenheitsgefühle, minimalisiert
Dann Schnitt und Überblendung vom Klo der Bar ins Hotelzimmer des Erzählers, auf sein Whiskyglas und ihre Tasse mit Hagebuttentee, und wieder zurück ins Klo, wo der Ich-Erzähler irgend einen Typ, der durch die Tür gekommen ist, am Hals packt und seinen Kopf gegen die Fliesen drückt: «Lass die Finger von ihr, du Arsch, lass bloß deine scheiß Finger von ihr.» «Fass sie nicht an», flüstert er in sein Ohr, «lass bloß deine scheiß Finger von ihr.» Dann sagt er: «Tut mir leid, du Arschloch hast ja nichts damit zu tun», und geht mit ihr durch die Nacht. Meyer verbietet sich sentimentale Gesten und lässt im Moment vorder Berührung ein Taxi vorfahren (ein Hilfsmittel einiger Geschichten). DieWucht der Verlassenheitsgefühle wird in knappsten Sätzen skelettiert.
Clemens Meyers Erzählungen sind Kunstübungen. Fast kindlich stolz führt er vor, was er kann, wie er sein amerikanisches Vorbild stemmt und das bekannte Elendsmilieu karikaturenhaft auskostet. Glänzend ist er in der Beschreibung von Arbeitswelten – der des Boxers, Weinverkäufers, Kunsthändlers, Großmarkt-Jobbers. Wie wenige entwirft Clemens Meyer auf knappen Zeilen ein Setting und eine durch exakte Lichtregie bestimmte Szenerie. Die unterbrochenen Dialoge geben den Texten das stockende Tempo.
Durch die unterschiedlichen Perspektiven werden ähnliche Schauplätze variiert. Clemens Meyer hat Geschichten des angehaltenen Atems geschrieben. Sein Ich-Erzähler blickt auf die Verlorenheit des Individuums in einem von künstlich-greller Helligkeit durchzuckten naturfernen Leben. Hart und berührend.




Clemens Meyer
Die Nacht, die Lichter
Fischer S. Verlag GmbH, Februar 2008
gebunden - 265 Seiten, 18,90 ¤





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