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Ausgabe 04/08
Editorial
04-08_editorial Kennen Sie Marcion, liebe Leserin, lieber Leser?

Marcion war ein frühchristlicher Theologe, der als Ketzer ausgestoßen wurde, weil er zwei verfeindete biblische Gottheiten amWerke sah, den bösen Schöpfergott des Alten und den liebenden Erlösergott des Neuen Testaments.Wer hätte gedacht, dass dieser verschollene Irrlehrer je wieder zu Ehren kommen könnte?

Doch genau dies geschieht derzeit. Irrlehrer haben Konjunktur. DieWelt strikt dualistisch zu sehen, geschieden in unversöhnliche Antithesen, und dabei geltendeWerte womöglich auf den Kopf zu stellen – dies verbindet so entlegene häretische Schriften wie das wiederentdeckte Judas-Evangelium und die wieder diskutierte Politische Theologie des Carl Schmitt. In beiden rumort alsWiedergänger der KetzerMarcion.

In dieser LITERATUREN-Ausgabe wird erörtert, was es mit der Aufwertung des Verräters Judas zum Lieblingsjünger Jesu auf sich hat (siehe S. 45); und der Schwerpunkt des Hefts liegt auf Carl Schmitt, dem notorischen «Kronjuristen des Dritten Reichs» und Rechts-Denker des Führerstaats, dessen Geist – oder Ungeist – über auffallend vielen aktuellen Debatten schwebt. Anders alsMarcion allerdings hat sich der katholische Nihilist Carl Schmitt auf die Seite des zürnenden und strafenden Rachegottes geschlagen, der durch Gesetz und Vergeltung herrschte. Schmitt gründete sein politisches und staatsrechtliches Denkgebäude auf ein starres Freund-Feind-Schema, das heute seineWirkungsmacht neu entfaltet, nicht nur in Bushs USA.

Auch Jonathan Littell und Raoul Schrott könnte man, jeden auf seineWeise, als Irrlehrer bezeichnen. Beide haben für Verwirrung in nicht wenigen Köpfen gesorgt – Littell mit seinem bildungsstolzen Holocaust- Porno «DieWohlgesinnten» und Schrott mit seiner These von Homer, dem verschnittenen Schreiber aus Kilikien in assyrischen Diensten.Höchste Zeit, die Köpfe wieder zu entwirren. Lesen Sie, warum Littells Buch auf seine Art nicht minder haltlos ist als Schrotts Homer-Spekulation (siehe S. 50 und S. 76).

Zum Glück gibt es auch positiveWiedergänger. Der japanische Holzschnitt-Meister Hiroshige feiert in der abendländischen Kunst ein Revival nach dem anderen – als Impressionist, als Anreger Vincent van Goghs und neuerdings alsMitbegründer desComics und desManga.Ein opulenter Pracht- und Prunkband huldigt Hiroshige (siehe S. 4).

Unbeirrte Lektüren wünscht
Ihre LITERATUREN-Redaktion




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