Das Editorial |
Papier, liebe Leserin, lieber Leser,
ist bekanntlich geduldig. Doch während Sie das neue LITERATUREN-Heft aufblättern, hat der Buchmarkt bereits jede Geduld verloren.Das spüren zunächst die Kritiker. Es ist längst üblich, dass große Verlage ihren Vorschauen auf das jeweilige Frühlings- oder Herbstprogramm so genannte Vor-Vorschauen voranschicken. In dieser hochtourigen Zeit bricht aber der Random House-Konzern, zu dem so traditionsbewusste Verlage wie DVA, Manesse oder Siedler gehören, nun jeden Geschwindigkeitsrekord: Im Spätsommer 2008 – die aktuellen Herbst- Titel sind noch nicht einmal gedruckt, geschweige denn im Handel – beliefert er Buchhandel und Redaktionen mit den kompletten Katalogen zum Bücherfrühling des Jahres 2009.Der Betrieb überholt sich selbst:Morgen wird
nichts so antiquiert sein wie das Buch von heute. Schließlich hat die Konkurrenz des Internet auch schon dazu geführt, dass die Tageszeitung von heute im Grunde genommen bloß noch die Zeitung von gestern ist.
Im digitalen Zeitalter sieht es so aus, als ob das Buch selbst zum Dinosaurier werden könnte – digitale Lesegeräte wie das «Amazon Kindle» sind bereits in den Feuilletons getestet und für gut befunden worden.Wird das Buch also bald zum Liebhaber-Objekt wie die Vinyl-Schallplatte, die durch CD und iPod fast verdrängt worden ist? Darüber sind kaum seriöse Voraussagen zu treffen – so wenig wie darüber, ob das neue Lesemedium Einfluss auf künftige Buch-Inhalte haben wird.Der Ruf nach einer originären Internet-Literatur jedenfalls hat keine neue Kunst hervorgebracht.
Autoren wie Josef Winkler, Büchner-Preisträger und Titelheld dieser Ausgabe, werden solche Zeitdiagnosen kaum bekümmern. Er schöpft aus der Alltagsmythologie seiner Kärntner Heimat, in der sich ein archaischer Volks-Katholizismus noch heute der wundersamsten Lebendigkeit erfreut (S. 4). Reiseberichte vom Ararat und aus Zentralasien künden von staubigen Touren fernab der Datenautobahn (S. 76), Ingeborg Bachmann und Paul Celan schrieben einander leidenschaftliche Briefe (S. 56) – wie hätte sich ihre Korrespondenz wohl im Medium SMS gestaltet?
Ob analog oder digital, auf Papier oder auf dem Bildschirm – wir werden auch künftig die erforderliche Geduld aufbringen, die interessantesten und wichtigsten Bücher für Sie zu lesen.
Entsprechend anregende Lektüren wünscht
Ihre LITERATUREN-Redaktion ... mehr
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